Terre des hommes

Artikel aus dem Delmenhorster Kurier vom 11.06.2021

"Die Nachfrage bestimmt das Angebot"

"Terre des hommes"-Gruppe verdeutlicht, wie Kommunen und Privatpersonen etwas gegen Kinderarbeit tun können

Delmenhorst. Wenn Eltern ihr Kind das Familienauto waschen lassen und ihm dafür zwei Euro geben, könnte man das ganz streng gesehen Kinderarbeit nennen. "Aber das ist keine ausbeutende Arbeit und beinhaltet zudem soziales Lernen", sagt Regina Hewer, Sprecherin der Terre des hommes-Gruppe Delmenhorst-Ganderkesee. Was aber unbedingt abgeschafft gehöre, sei ausbeuterische Kinderarbeit, wie sie in vielen – vor allem armen – Ländern der Welt Tag für Tag von Kindern und Jugendlichen ausgeführt werde.

Nach aktuellen Schätzungen der Vereinten Nationen müssen weltweit rund 152 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren Kinderarbeit leisten. Etwa die Hälfte davon, nämlich 73 Millionen, verrichten gefährliche beziehungsweise gesundheitsgefährdende Arbeit – viele kommen bei der Arbeit um. Mindestens aber schadet die Arbeit der kindlichen Entwicklung und hält die Kinder und Jugendlichen vom Schulbesuch ab.

Petra Gerlach zu Besuch bei Terre des Hommes

Im Gespräch über die Vermeidung von Kinderarbeit: Petra Gerlach (vorne, von links), Regina Hewer und Christina-Johanne Schröder sowie Daniel Hewer (hinten, von links) und Lore Geesen-Wiche von Terre des hommes. Foto: Ingo Möllers

Passend zum Welttag gegen Kinderarbeit am Sonnabend, 12. Juni, hat die Terre des hommes-Gruppe zum Gespräch gebeten: mit Oberbürgermeisterkandidatin Petra Gerlach und Bundestagskandidatin Christina-Johanne Schröder von den Grünen. Ausgehend von dem Gedanken, dass jede Kaufentscheidung dazu beitragen kann, Kinderarmut abzuschaffen, ging es darum, wie dies auch auf kommunal- oder bundespolitischer Ebene geschehen kann.

Beschluss liegt schon lange vor

Denn viele Produkte beziehungsweise deren Inhaltsstoffe werden mithilfe von Kinderarbeit gewonnen und hergestellt. Das betrifft die meisten Bereiche des privaten Konsums wie Nahrungsmittel, Kleidung, Kosmetik, Elektronik, Naturstein, Teppiche und einiges mehr. Doch nicht nur Privatkunden können beim Einkauf auf Fair-Trade-Siegel achten, um Kinderarmut zu stoppen. Auch Kommunen können das. Einen Beschluss zur Berücksichtigung sozialer und ökologischer Belange im Beschaffungswesen aus dem Jahr 2012 gibt es in Delmenhorst bereits. Danach soll die Stadt beim Kauf von Arbeits- und Dienstkleidung, Stoffen und anderen Textilien, Naturstein und entsprechenden Produkten, Tee, Kaffee, Kakao, Blumen, Spielwaren und Sportbällen nur Produkte auswählen, deren Herstellung unter Einhaltung der "Kernarbeitsnorm" stattgefunden hat.

"Die Vergabestelle der Stadt ist da sehr engagiert", sagt Regina Hewer. "Aber wenn man das auf die kleinen Dinge herunterbricht, ist der Beschluss in vielen Abteilungen noch gar nicht angekommen. Vor allem bei den kommunalen Unternehmen, die selbst einkaufen, ginge noch viel mehr. Es ist ja toll, wenn es in der Sauna fair gehandelten Kaffee gibt, aber was ist zum Beispiel mit den Handtüchern? Da hätte es einen Anwendungserlass vom Bürgermeister gebraucht", ergänzt sie. Petra Gerlach und Christina-Johanne Schröder sehen ebenfalls die Chance, über das Konsum- und Vergabeverhalten etwas zu bewirken. "Die Nachfrage bestimmt eben das Angebot", so Gerlach.

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